Eine Herkunftsmutter
Zur Freigabe genötigt
"Wurzeln für Lisa"
"Wurzeln für Lisa"
»Wurzeln für Lisa«
 
Ein bewegendes Plädoyer für Toleranz gegenüber Frauen, die ihr Kind zur Adoption freigegeben haben.
  
 
Wurzeln für Lisa_Cornelia OehlertAutor: 
Cornelia Oehlert
    
Buchdaten: 
Erscheinungsdatum: 2008-09
ISBN-13: 978-3-8370-4197-2
Taschenbuch, 108 Seiten, Euro 9,90
   
Bezugsquellen: 
Buchhandel und Internet (z. B. Amazon.de, Buch.de, Libri.de, BoD.de ...)
e-book: Kindle eBook, Apple iTunes
   
Kostenlose Rezensionsexemplare:
            
     
       
       
Inhalt
      
Lisa wurde vor neununddreißig Jahren von ihrer Mutter Claudia zur Adoption freigegeben und erst zweiunddreißig Jahre später wiedergefunden. Selbst Jahre danach kann sich Lisa nicht entschließen, ihre leibliche Mutter zu treffen. Deshalb schreibt ihr Claudia einen Brief, in dem sie ihr die ganze Geschichte erzählt. Und so erfährt nicht nur Lisa, welche schockierenden Lebensumstände zu ihrer Adoption geführt haben.
  
  
Entstehungsgeschichte
   
Bedingt durch negative Erfahrungen als Scheidungskind und Mutter, die von ihrer eigenen Familie zur Adoption ihres neugeborenen Kindes genötigt wurde, hat sich Cornelia Oehlert schon sehr früh für soziale und gesellschaftliche Themen interessiert. Durch die Suche nach ihrer 1969 zur Adoption freigegebenen Tochter, hat sich die Autorin in den vergangenen Jahren ganz besonders dem Thema Inkognitoadoptionen gewidmet und dabei festgestellt, dass diese bis heute durchaus nicht immer ›zum Wohle des Kindes‹ erfolgen. Oft wird der abgebenden Mutter oder den Eltern großes Unrecht und Leid zugefügt. Zu diesem Leid kommt noch erschwerend die Meinung der Gesellschaft dazu, die auf solche Frauen und Männer oft mit Verachtung reagiert.
  
Durch ihr fesselndes Buch möchte die Autorin andere auf dieses Thema aufmerksam machen und zum Nachdenken anregen.
   
 
Leseprobe  
    
Der Anfang eines langen Briefes
   
  13. Juli 2008
Liebe unbekannte Lisa,
    
seit wir uns zum ersten Mal begegneten, sind 38 Jahre und 341 Tage vergangen. Du hast mir inzwischen 24 Briefe und E-Mails geschrieben, ich Dir insgesamt 43. Telefoniert haben wir noch nie im Leben miteinander. Ge­sehen haben wir uns nur ein einziges Mal – und das war bei Deiner Geburt am 8. August 1969. Wenige Tage danach hat man Dich mir weggenommen und mich genötigt, Dich zur Adoption freizugeben. Damit wurde das feste Band, das uns neun Monate lang zusammenhielt, nicht nur phy­sisch gewaltsam durchtrennt. In all den Jahren danach gab es kaum einen Tag, an dem ich nicht an Dich ge­dacht habe.
     
In diesem langen ›Etappenbrief‹ möchte ich Dir das erzählen, was ein Kind normalerweise tröpfchen- oder scheibchenweise über viele Jahre hinweg erlebt und erfährt. Suche Dir also einen ruhigen Platz zum Lesen und ›höre‹ Dir an, was Deine leibliche Mutter von sich und unserer gemeinsamen Geschichte zu berichten hat, aber mache Dich darauf ge­fasst, dass Du dabei einiges lesen wirst, was Dich vielleicht berühren, erschüttern, schockieren oder gar abstoßen wird.
    
Also, dann werde ich nicht mehr lange herumreden oder überlegen, sondern einfach beginnen …
      
[...]
    
Am nächsten Morgen erschienen wir pünktlich in der Klinik. Eine etwas ältere, gemütlich aussehende Krankenschwester empfing uns und führte uns zu meinem Zimmer. Noch bevor ich zur Untersuchung zum Arzt musste, verabschiedete sich meine Mutter wieder. Sie fuhr wie gewohnt zur Arbeit und danach zu meiner Oma Trudi, Deiner Urgroßmutter, die an genau diesem Tag ihren einundsiebzigsten Geburtstag feierte.
     
Der Arzt gab mir dann, wie von meiner Mutter gewünscht, die nötigen Spritzen und Infusionen, um die Geburt vorzeitig einzuleiten, und ich wartete alleine in meinem Bett auf Deine Ankunft. In regelmäßigen Abständen kam die Hebamme herein um nach mir zu sehen und ab und zu kam der Arzt selbst. Von den Schmerzen, die ich hatte, weiß ich nicht mehr viel. Mit zusammengebissenen Zähnen und stoischer Ruhe habe ich alles getan, was man mir sagte. Um die Mittagszeit wurde es plötzlich sehr warm um meine Beine herum und ich dachte, ich hätte in die Hose gemacht. Alles war nass. Als die Hebamme erschien, klärte sie mich kurz auf, dass die Fruchtblase geplatzt sei und es jetzt losgehen würde. Was dann alles ›los ging‹, habe ich mehr oder weniger aus meinem Gedächtnis gestrichen. Ich weiß es nicht mehr. Mir tat alles furchtbar weh und ich hatte keine Ahnung, ob ich da jemals wieder lebend heraus kommen würde.
     
Am späten Nachmittag, ich war inzwischen im Kreißsaal, wurde es plötzlich hektisch um mich herum und man setzte mir eine Maske auf und sagte dabei, dass das Lachgas wäre und ich jetzt nicht mehr viel spüren würde. Während ich mir so vorkam, als ob ich wie ein Wirbelwind durch eine Röhre gezogen wurde, verspürte ich wieder dieses warme Gefühl zwischen meinen Beinen und dann hörte ich Dich ganz von Ferne schreien. Ich wusste, dass jetzt alles vorbei war. Was dann mit mir geschah, habe ich nicht mehr mitbekommen. Aufgewacht bin ich erst wieder in meinem Bett und in meinem Schritt tat alles weh. Später sagte man mir, dass man mich hat ›nähen‹ müssen.
     
Nachdem ich etwas zu Essen und zu Trinken bekommen hatte, brachte man Dich zu mir. »Es ist ein wirklich hübsches Mädchen«, sagten sie und ich dankte dem lieben Gott, dass ›es‹ gesund war, denn ich hatte diesem kleinen Wesen, das da in meinem Bauch heranwuchs, ja weiß Gott viel zugemutet. Als Du in meinen Armen lagst, war ich der glücklichste Mensch auf der Welt – wenigstens für ein paar Stunden. Du warst ein sehr schönes Baby und alle Schwestern standen um uns herum und freuten sich über den neuen Erdenbürger. Ganz stolz hielt ich naive Gans Dich im Arm. Nie hätte ich in diesen Minuten geglaubt, dass man Dich mir wieder wegnehmen könnte. Von der Adoptionsidee wusste ich bis dahin immer noch nichts.
     
[...]